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Die Europäische Route der Backsteingotik wurde im Rahmen der denkmal2010 in Leipzig ausgezeichnet mit einer Goldmedaille für "herausragende Leistungen in der Denkmalpflege in Europa".
 
Goldmedaille
 
 
 

Die Europäische Route der Backsteingotik erhielt im Herbst 2012 einen "Sonderpreis" der Jury des europa nostra-Komitees. Damit würdigte die Organisation, die unter anderem den Erhalt des kulturellen Erbes in Europa zum Ziel hat, die besondere Arbeit des Vereins. 
 
special mention europa nostra
 
 

Entlang der Europäischen Route der Backsteingotik...

 
Der einzigartige Baustil „Backsteingotik“ ist ein Phänomen, das nicht nur entlang der Ostseeküsten, sondern auch weit südlich davon im Binnenland allgegenwärtig ist. In Dänemark, in weiten Teilen Polens und in Deutschland bis hinunter nach Berlin und Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen und selbst in Südschweden, im Baltikum und in Russland findet sich dieses mittelalterliche, backsteinerne Kulturerbe, jeweils in vielfältigen regionalen Ausprägungen.

So stößt man etwa im nordöstlichen Polen, in Olsztyn (Allenstein), auf Vertrautes: Hier befindet sich unter anderem die Burg des Ermländischen Kapitels, auf der einst Kopernikus weilte und forschte. Nur jeweils kurze Strecken entfernt liegen viele weitere erhaltene mittelalterliche Burgen, die fast alle dem damaligen Deutschen Ritterorden zuzuordnen sind. Die Stadt ist zudem das Tor nach Masuren, der berühmten Seenlandschaft Polens. Große Geschichte wurde schon vor der Epoche der Backsteingotik in Płock geschrieben, malerisch am Flussufer der Weichsel gelegen und überragt von Dom, ehemaligem Herzogschloss und Benediktinerabtei. Der Weichsel flussabwärts folgend erreicht man Toruń (Thorn), Weltkulturerbe mit fast 1.000 historischen Bauten, Geburtsort Kopernikus‘ und neben Nürnberg Heimat des Lebkuchens („pierniki“). Neben dem grandiosen Altstädtischen Rathaus und der vielen gotischen Kirchen lohnt insbesondere der Spaziergang entlang der früheren Stadtbefestigung. Wenige Kilometer weiter thront Chełmno (Kulm) ebenfalls über der Weichsel und vermittelt dem Besucher den Eindruck eines fast vollständig erhaltenen mittelalterlichen Städtchens. Der rote Backstein springt überall ins Auge. Dieser Eindruck vervollständigt sich bei der Weiterfahrt in das großartige Gdańsk (Danzig), die lebendige Metropole Nordpolens, Geburtsort der legendären „Solidarność“. Allüberragend ist die Marienkirche, die größte mittelalterliche Backsteinkirche überhaupt, deren Bauzeit allein 150 Jahre betrug.

Weit westlich davon und nur wenig südlich der bekannten Stadt Rügenwalde (Darłowo), im kleinen Sławno (Schlawe) ist der Besuch der mächtigen, beeindruckenden Marienkirche ein Pflichtprogramm. Auch die beiden erhaltenen Stadttore sind schöne Beispiele mittelalterlicher Backsteingotik. Bis Szczecin (Stettin) ist es nicht mehr weit, wo die Jakobikirche nach vielen Jahrzehnten ihren neuen Turm feiert, der erklommen werden kann – zu Fuß oder per Aufzug. Die Kirche St. Peter und Paul hingegen liefert mit ihrem Zierrat schon einen Verweis auf Brandenburg an der Havel, wo mit Hinrich Brunsberg der gleiche Baumeister wirkte. Auch das Schloss der Pommersche Herzöge und die Hakenterrasse sind einen Besuch wert. In der Nähe und doch ein wenig im Schatten von Stettin liegt Stargard Szczeciński (Stargard in Pommern) mit seinem originellen, über den Fluss gebauten und europaweit einmaligen Mühlentor, der Marienstiftskirche mit ihrem fantastischen Sterngewölbe, die mithin als schönste Backsteinkirche Polens bezeichnet wird, und einer vollständig erhaltenen Befestigungsanlage.

Ein kleines Stück weiter über die Oder nach Westen liegt Prenzlau. Die Marienkirche, kilometerweit zu sehen mit ihren ungewöhnlichen Zwillingstürmen, hat einen der berühmtesten Ostgiebel der Backsteingotik. Auch das Dominikanerkloster bildet einen würdigen Rahmen für die 2013 stattfindende Landesgartenschau. Südwärts wartet die nicht minder berühmte Marienkirche in Frankfurt (Oder), deren berühmte mittelalterliche Fenster erst vor wenigen Jahren aus Russland zurückgeführt wurden. Passionierten Radlern sei der Oder-Neiße-Radweg entlang der Oder empfohlen, der durch Frankfurt führt. Berlin rechts liegend lassend erreicht man die ehrwürdige Bischofsstadt Brandenburg an der Havel, über 1000 Jahre alt und mit dem Domensemble, der Katharinenkirche, dem Paulikloster, mehreren Tortürmen, einer verrückten Kapelle und vielen weiteren sehenswerten Bauten gesegnet. Die Lage mitten in Fluss- und Seenlandschaft lädt ein zum Wandern, Radeln, Segeln oder Kanufahren. Kaum eine Stunde weiter nach Westen ragen die Türme der Hansestadt Stendal in den Himmel. Nicht weniger als vier mittelalterliche Hallenkirchen samt wertvoller Ausstattung sowie zwei der schönsten Tore überhaupt, das Uenglinger und Tangermünder Tor, stehen für die einstige Bedeutung der Hansestadt in der Altmark, die sich im 15. Jh. zu einer blühenden Kaufmannsstadt entwickelte.

Auch Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Dänemark partizipieren mit großartigen Bauten am gesamten Kulturerbe Backsteingotik. In der Hansestadt Lüneburg an der Ilmenau, reich geworden durch ihr Salz, vermischt sich Backsteingotik mit Backsteinrenaissance. Doch insbesondere die Kirchen sind Klassiker purer norddeutscher Backsteingotik, während das Rathaus, ein Bau mit vielen Erweiterungen verschiedener Epochen, einen der wertvollsten Bauten Deutschlands darstellt. Einzigartig auch die zahllosen Giebelhäuser mit charmant schiefen Giebeln aus Backstein aus der großen Zeit der Gotik und Renaissance. Ganz in der Nähe und durch eine bequeme Kultur-Radtour zu erwandern, finden sich zudem der kunsthistorisch und optisch eindrucksvolle Dom zu Bardowick und eine Vielzahl backsteingotischer Dorfkirchen, jede für sich ein Unikat. Eine weitere ungewöhnliche und wertvolle Zugabe sind die sechs Lüneburger Klöster; die mitunter weit von Lüneburg entfernt liegen: Lüne, Walsrode, Wienhausen, Medingen, Ebstorf und Isenhagen, die nicht nur Schmuckstücke gotischer und nachfolgender Epochen, sondern zudem noch aktive Damenstifte sind, in denen der Besucher bedeutend mehr als nur eine Bauhülle kennenlernt. Im berühmten „Alten Land“ liegt Buxtehude mit seiner 1000jährigen Geschichte. Das Stadtbild prägt die gut erhaltene Flethanlage nach niederländischem Vorbild, die historische Innenstadt mit der St.-Petri-Kirche sowie der mächtige Marschtorzwinger, der seinesgleichen sucht. Über die Elbe und den Nord-Ostsee-Kanal hinweg nähert man sich bedeutenden Orten der Wikinger und gelangt an Haithabu vorbei zur Schlei, einer Art Fjord mit der alten Bischofsstadt Schleswig. Der Dom samt umfangreicher mittelalterlicher Innenausstattung sucht seinesgleichen. Der Spaziergang auf dem Holm gehört zum Pflichtprogramm eines Schleswig-Besuchs. Ebenfalls an einer Förde gelegen, am Haderslev Fjord, ist das gleichnamige dänische Haderslev. Die Stadt besitzt eine der besterhaltenen Innenstädte mit dem turmlosen Dom mittendrin, der berühmt ist für seine Akustik und seinen puristischen Charakter. Bei einem Besuch sollte man unbedingt das Konzertprogramm beachten. Von hier lohnen sich auch Ausflüge mit Boot und Schiff.

Allgegenwärtig ist die Backsteingotik natürlich auch in Mecklenburg-Vorpommern, dessen Markenzeichen sie darstellt, neben großartiger Natur und vielen Schlössern und Herrenhäusern. Dabei beeindrucken keineswegs nur die Küstenstädte: Weit im Landesinnern liegt zum Beispiel die Landeshauptstadt Schwerin, berühmt durch die Bundesgartenschau 2010, berühmt auch durch ihr Schloss, in dem der Landtag seinen Sitz hat, und eben für ihren Dom, von dessen 117 Meter hohen Spitze der Blick weit ins Land reicht. Wenig südlich liegt Parchim, ebenfalls keine Hansestadt, jedoch mit einem der interessantesten gotischen und dann neogotisch überformten Rathäuser sowie mit zwei Kirchen, deren mittelalterliche Dachstühle von oben besichtigt werden können.

Nordöstlich von Schwerin wiederum, in der Barlachstadt Güstrow, das wiederum ohne den bekannten Hansetitel auskommt, stößt man neben dem gewaltigen Renaissanceschloss auf die hervorragend erhaltene Pfarrkirche und den Dom sowie auf den allgegenwärtigen Ernst Barlach, der bis zu seinem Tod 1938 in Güstrow lebte und wirkte. Die Ernst Barlach Museen darf man sich nicht entgehen lassen. Und so führt der Weg schließlich in die Hansestadt Wismar, ein Glanzstück der Backsteingotik mit vielen Sehenswürdigkeiten. Besonders die zwei Pfarrkirchen St. Nikolai und Heiligengeist sind bestens erhalten und in voller Funktion. In St. Nikolai muss der Kopf weit in den Nacken gelegt werden, denn das Kirchengewölbe ist eines der höchsten weltweit. Wismar bietet sich auch als Ausgangspunkt für schöne Ausflüge ins Umland an. Ein ganz besonderer Ausflug führt in die benachbarte kleine Stadt Neukloster mit ihrem vollständig erhaltenen Kloster samt Propstei, eingebettet in den Klosterpark am Neuklostersee und gelegen am Rande einer prächtigen Seen- und Waldlandschaft.

Wenige Kilometer südlich des berühmten Seebades Heiligendamm und einige Meter abseits vom Kamp, dem Zentrum Bad Doberans mit seinen klassizistischen Bauten, liegt das Wahrzeichen der Stadt, das einzigartige Münster mit dem weitläufigen Klostergelände, dem Beinhaus und weiteren Bauten. Das hochgotische Münster, Ausdruck höchster technischer Perfektion, böte angesichts der vollständig erhaltenen Baustruktur und Innenausstattung Anschauungsmaterial für eine ganztägige Besichtigung. Auch in Ribnitz-Damgarten, an der Grenze zwischen Mecklenburg und Vorpommern, liegt ein berühmtes backsteingotisches Kloster, das ganz dem Bernstein gewidmet ist: das Klarissenkloster. Die kleine, wunderbar gelegene Stadt ist quasi das westliche Tor nach Fischland-Darß-Zingst, wohin man nach der Besteigung des Turms der Marienkirche einen großartigen Blick hat, der auch bis zur Ostsee, auf den Bodden und bis nach Rostock reicht. Weiter nach Osten gelangt man an den Greifswalder Bodden, an dem die altehrwürdige Universitäts- und Hansestadt Greifswald liegt. Ihre Lage am Ryck, das vorgelagerte Fischerdorf Wiek mit dem berühmten Caspar-David-Friedrich-Kloster Eldena, das großartige Pommersche Landesmuseum, die zweitälteste Universität im Ostseeraum (gegr. 1456) und drei stadtbildprägende Backsteinkirchen laden zu einem längeren Besuch der Stadt ein.

Wenig weiter östlich findet sich eines der Tore nach Usedom, die 750 Jahre alte Herzogstadt Wolgast, Geburtsort des Romantik-Malers Philip Otto Runge. Für die Sanierung der Sarkophage in der gotischen Kirche St. Petri erhielt die Kirche im Jahr 2010 den europa-nostra-Preis. Berühmt ist auch die Gertrudenkapelle, ein wenig außerhalb der reizvollen mittelalterlichen Innenstadt. Das andere Tor nach Usedom ist die Hansestadt Anklam, gelegen am idyllischen Peenestrom und am Berlin-Usedom-Radweg, Geburtsstadt des Flugpioniers Otto Lilienthal. Die Marienkirche, gleich am Marktplatz gelegen, gilt als eine der schönsten Exemplare der Backsteingotik des Landes. Neubrandenburg, die „Stadt der Vier Tore“, besitzt wahrscheinlich eine der beeindruckendsten mittelalterlichen Wehranlagen Europas. Mit der vollständig erhaltenen Stadtmauer und den je vier Innen- und Außentoren erlebt der Betrachter ein Feuerwerk backsteingotischer Kunstfertigkeit. Zudem entstand aus der Ruine der Marienkirche eine für ihre Ästhetik und insbesondere Akustik europaweit beachtete Konzertkirche. Ein weiterer Superlativ lässt sich im benachbarten Burg Stargard erleben, dessen gleichnamige Burg mit ihren 13 Einzelbauten die nördlichste Höhenburg Deutschlands ist. Sie bildet einen kulturellen Mittelpunkt in der großartigen, die beiden Städte umgebenden Feldberger Seenlandschaft.

Glanzlichter nicht nur bezüglich landschaftlicher Reize, sondern auch mittelalterlich-backsteingotischer Pracht sind die Hansestadt Stralsund und die Insel Rügen. Stralsund zeigt mit seinen drei stolzen Kirchen und vielen weiteren großartigen Bauten, die bestens mit dem neuen Ozeaneum und der Rügenbrücke harmonieren, dass es den Welterbe-Titel nicht umsonst trägt. Nach einem Blick zurück auf das einzigartige Panorama Stralsunds warten dann auf der anderen Seite der Rügenbrücke die Klassiker der Insel: Natur, Ostseebäder, Kreidefelsen, die „Weiße Stadt“ und vieles mehr. Zudem findet sich aber in praktisch jedem Ort und Städtchen der Insel jeweils eine puristisch anmutende, wunderschöne Perle der Backsteingotik – davon mit der Marienkirche in Bergen die älteste der Insel.

Erleben Sie, was die gesamte Region jenseits wunderbarer Landschaften zu bieten hat. Wohin die Reise auch führt, mit Sicherheit taucht immer irgendwann am Horizont ein backsteingotischer Turm auf.
 
 
 
Burg des Ermländischen Kapitels, Olsztyn
Foto: Mieczysław Wieliczko
 
Ehemalige Benediktiner-Abtei, Płock
 
Dom der Hll. Johannes, Toruń
 
Mariä-Himmelfahrtspfarrkirche, Chełmno
Foto: Elżbieta Pawelec
 
Marienkirche, Gdańsk
 
Marienkirche, Sławno
Foto: Dział Promocji Urzędu Miejskiego w Sławnie